‚An unexpected journey‘ – auf den Speer

Lauf: Ricken – Tanzboden – Speer – Amden, 28.2km, 1783hm, 13.10.2018 (scroll down for English summary)

„Eine unerwartete Reise“ – der Titel des ersten Kapitels des berühmten Buches „Der Hobbit“ war in gewisser Weise das Motto von einem meiner schönsten Läufe des Jahres. Ich freute mich ungemein auf diesen Ausflug, was mich erwartete, konnte ich jedoch nicht mal annähernd erahnen. Nachdem ich mich gegen einen Lauf am Hohen Kasten oder am Moléson – beides zu weit von Zürich entfernt – entschieden habe, wählte ich die Strecke zwischen dem Rickenpass und Amden. Eine kombinierte Wandertour im unteren Toggenburg. Ich wusste nicht genau, wie lang die Tour wird, ich wusste aber, dass ich auf dem Weg liebend gern den Speer erreichen oder überqueren wollte – eine 1951m-hohe markante Erhebung im Vorland des Alpsteingebirges.

Zum dritten Mal kam nun auch der extra für den Ultraks gekaufte Trailrunning-Rucksack zum Einsatz. Die Stöcke liess ich dagegen daheim. Das galt auch für die Speicherkarte des Fotoapparats, die ich jedoch unfreiwillig vergessen hatte (gut, dass es Smartphones gibt). Vom 786m hohen Ricken startete ich die Reise. Sobald ich nach circa 200m vom Asphaltweg auf den Wanderpfad eingebogen bin, überwältigte mich die Vielseitigkeit des Weges. Erst durch Laubwälder, dann durch Nadelwälder, über Wurzelpassagen, mit Treppen, teilweise Singletrails, teilweise breit ausgetreten. Schon bald gewann ich an Höhe und erreichte ich den Grat. Denn eigentlich ist der ganze Weg vom Ricken bis zum Tanzboden ein Gratweg – wirklich schön.

Das Alpsteingebirge thront im Hintergrund, im Vordergrund das gemütliche Berggasthaus Oberbächen
Das Alpsteingebirge thront im Hintergrund, im Vordergrund das gemütliche Berggasthaus Oberbächen

Das bedeutete auch, dass ich bei gutem Wetter eine traumhafte Aussicht geniessen konnten. Und das Wetter war perfekt. Während rechts immer mehr der Zürichsee zum Vorschein kam, erhob sich links das mächtige Alpsteinmassiv mit dem Säntis als höchsten Gipfel. Vor mir, aber noch in respektabler Entfernung wurde der Speer sichtbar. Mein grosses Ziel für heute. Bis zum Tanzboden wechselte sich der Pfad nun wie beschrieben weiter ab. Ich gewann zudem stetig an Höhe und erreichte meinen ersten Verpflegungsstopp nach eineinhalb Stunden – 10km und gut 800hm hatte ich da bereits zurückgelegt.

Im weiteren Verlauf nahm die Anzahl der „Mitwandernden“ ab, der Weg blieb traumhaft schön. Zumindest so lange, so lange ich auf dem Weg blieb. Leider passierte es mir einige Male, dass ich Pfad und Markierung verlor. Durch erfahrenem Orientierungssinn gelangte ich zwar wieder auf den Weg, doch in solchen Momenten machte sich sowohl die einsetzende Müdigkeit als auch der sich langsam aufkommende Hunger doppelt so stark bemerkbar. Die grösste Ernüchterung trat aber ein, als ich den Fuss der Nordwand des Speers erreichte. Der Begriff Nordwand war auch der Grund für meine Enttäuschung. Denn der Gipfel des Speers über diesen Weg war ausschliesslich über einen Klettersteig erreichbar. Sicherlich spektakulär, nur nicht für müde Trailrunner ohne Kletterausrüstung zu empfehlen. Also blieb mir nichts anderes als der Weg drum herum, und dieser schien langwierig.

Auf dem Kamm zur Rechten bin ich gelaufen, doch die Nordwand des Speers zur Linken stellte sich mir in den Weg
Auf dem Kamm zur Rechten bin ich gelaufen, doch der Speer zur Linken stellte sich mir in den Weg

Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten den Weg wiederzufinden (Anmerkung: einige der Wege sind bereits winterfest gemacht worden und daher nicht mehr gekennzeichnet), fing ich mich wieder. Der Körper nahm die Anstrengungen sowie den Energiedefizit als gegeben hin und so erreichte ich die kleine Passhöhe Schilt auf 1638m. Anschliessend erwartete mich das reinste Trailparadies. Etwas hoch, etwas runter, teilweise durch Seil gesicherte Passagen, die Hände waren öfters dabei – und dann erreichte ich eine Abzweigung auf doch schon 1771m über Meer. Links ging es nach Amden, meinem Zielort. Rechts ging es auf den Speer, meinem Hauptziel. Und da der Speer auf dem Normalweg von dieser Abzweigung aus in 25min Wanderzeit erreichbar war, nahm ich den Weg zum Gipfel. Zehn Minuten später stand ich nun oben, genoss die Aussicht, und gönnte mir die wohlverdiente Verschnaufpause.

Ab jetzt begann der Abstieg nach Amden. Fast drei Stunden reine Wanderzeit. Es lag also noch ein gutes Stück vor mir. Ohne Vollgas zu geben – der Muskelkater aus den vergangenen Rennen war noch in meinem Kopf – begab ich mich bergab. Einen schnellen, aber wichtigen Zwischenstopp machte ich in dem Berghaus Oberchäsere. Ein Salamisandwich, 0.4l Cola, 0.5l stilles Wasser später sorgten für einen besser ausbalancierten Energiehaushalt. Und perfekte Laune für die restlichen Kilometer. Dass ich dann perfekt getimt, 2min vor Abfahrt, die Busstation in Amden erreichte, war sozusagen die Kirsche auf der Torte. Ein perfekter Trailrunning-Ausflug, inkusiver der Besteigung des Speers. Unerwartet schön!


English summary: ‚An unexpected journey‘. The opening chapter of the famous book ‚The Hobbit‘ could also have been the title of my trail run adventure between Ricken and Amden. On this ridge run in the lower Toggenburg, I experienced trails and views in perfect conditions. The highlight surely was the climb of the prominent summit of the Speer (1951m) that I reached after a little detour. Terrific. As I hoped for a nice, easy-going run, I could not have dreamed of such stunning trails in such an amazing countryside – unexpectedly beautiful.

Swiss Trail Tour 2018 in Lenk

Lauf: Lenk – Matten – Wysseberg – Lenk, 37.3km, 1878hm, 29.09.2018 (scroll down for English summary)

Bei dem klangvollen Namen “Swiss Trail Tour” stellt man sich schnell ein etabliertes Grossereignis vor, bei welchem sich jedes Jahr tausende Läufer um die Startplätze streiten. Dem ist nicht so. 2018 wurde die Veranstaltung das erste Mal ausgetragen. Das Konzept sieht eigentlich ein Etappenrennen über drei Tage vor, bei welchem die Läufer sich zwischen einer Ultra- und Tour-Variante entscheiden. Die Etappen können jedoch auch einzeln absolviert werden – und ich wählte für mich die kürzere Tourvariante am Samstag. Was heisst kurz? Die Tagesetappe sah immerhin 37.3km und 1878hm vor.

Doch bevor ich zum Rennbereicht komme, nachfolgend ein kurzer Abriss über die vergangenen Woche nach dem Matterhorn Ultraks. Natürlich lag mir dieser noch einige Tage in den Beinen, insbesondere die Oberschenkel revanchierten sich mit heftigem Muskelkater für die langen, steilen Bergabpassagen des Laufs um Zermatt. Nach ein paar Tagen nahm ich die Aktivitäten aber wieder auf. Ein spezifisches Aufbautraining für den Swiss Trail Tour Lauf brauchte ich jedoch nicht mehr, sodass ich einfach verschiedene Trainingseinheiten abwechselte: zwei Rennradausflüge, eine Bouldereinheit, eine längere Laufeinheit, mehrfach Schwimmen, Training auf dem VitaParcours/Trimm-Dich-Pfad, etwas Tennis – dies sollte reichen für mein nächstes Laufabenteuer.

Und ein kleines Abenteuer wurde die Swiss Trail Tour. Obwohl ich schon zig Aufenthalte im Berner Oberland verbracht habe, habe ich es noch nie bis nach Lenk geschafft, einem bekannten Berg- und Skiort (häufig zusammen mit Adelboden erwähnt). Das heisst, es gab etwas Neues zu entdecken. Vier Tage vor dem Lauf wurde jedoch meine Startzeit vorverlegt, sodass ich nicht am Morgen mit dem Zug anreisen konnte, sondern ich mir ein Herberge suchen musste. So kam ich Freitagabend gegen 22.30Uhr in Lenk an und suchte mein Hostel für eine Nacht. Ich freute mich auf den Tag danach.

Der Start der Swiss Trail Tour am nächsten Morgen war mit 9.20Uhr dennoch nicht zu früh, sodass ich etwas ausschlafen konnte. Ausserdem war ich geübt im Packen und im Rauslegen der Sachen, wodurch ich anschliessend relativ entspannt und unaufgeregt in Richtung Startgelände ging. Nachdem die Ultrarunner um Punkt 9.00Uhr auf ihre 55km-lange Strecke geschickt wurden, ging es für die Tour-Läufer wie mich 20 Minuten später auch los. Es standen zwei längere Anstiege im Profil, natürlich jeweils auch mit den dazugehörigen Bergabpassagen. Der erste und einfachere Anstieg begann ca. 3km nach Start mit moderaten Steigungsprozenten. Der Untergrund wechselte sich stetig ab, und so auch der technische Anspruch. Einige Passagen waren sogar seitlich mit einem Seil gesichert, da es neben dem schmalen Single-Trail ziemlich steil hinunter ging. Der folgende Abstieg war für mich ein ziemliches Vergnügen – erst nur flach abfallend, dann etwas technischer über Wurzelpassagen auf einem schönen Waldweg. Die erste Verpflegungsstation (von drei) wartete auch mich.

Nach der Verpflegung in Matten stand der schwerere zweite Streckenabschnitt an. Von Matten bis zum Kamm des Wyssebergs stieg der Weg über 7km mit durchschnittlichen 14.5% bis auf 2107m an. Das waren über 1000hm am Stück – der Gornergrat lässt grüssen. Die Aussicht wurde besser. Der anfängliche Nebel, der uns keinerlei Aussicht beim ersten Anstieg gab, hatte sich jetzt vollständig verzogen. Die ganzen umliegenden Berggipfel wie Wildstrubel und Wildhorn mit samt Gletschern kamen zum Vorschein. Und im Tal lagen leicht nebelverschleiert die kleine Dörfer des oberen Simmentals.

Die bisherigen Anstrengungen bei der Swiss Trail Tour haben sich also vollends gelohnt. Apropos Anstrengungen, obwohl ich mich während der ganzen Strecke hinsichtlich der Ausdauer gut fühlte, merkte ich dieses Mal, dass ich nicht vollständig ausgeruht zum Wettkampf angetreten bin. Ab und zu spürte ich so eine Müdigkeit, dass ich mit dem Gedanken spielte, mich einfach in die Wiese zu legen und Sonne und Aussicht zu geniessen.

Kurz vor der höchsten Stelle am Wysseberg
Kurz vor der höchsten Stelle am Wysseberg

Natürlich entschied ich mich dagegen und nahm nach einer unangenehmen Gegensteigung den Schlussabstieg in Angriff. Dadurch dieser technisch machbar und auch nur moderat steil abfallend war, konnte ich diesen Part sehr geniessen. Die letzten drei komplett flachen Kilometer jedoch nicht. Plötzlich musste ich nach all dem bergauf und bergab wieder selber Druck ausüben. Meine Beine bewegten sich wie im Leerlauf, ich stand förmlich (bei einem 5:50min/km-Schnitt) und der Weg zog sich endlos in die Länge. Dann aber erreichte ich Lenk nach gut fünf Stunden als 10. in meiner Kategorie (Männer, 1 Tag, Tour-Distanz, 20 Teilnehmer). Wie immer ist es ein grossartiges Erlebnis ins Ziel einzulaufen und mit all den anderen, wenn auch im Verhältnis wenigen Läufern so einen Wettkampftag zu verbringen. Drücken wir die Daumen, dass die Swiss Trail Tour nächstes Jahr populärer wird – landschaftlich traumhaft sind die Läufe in jedem Fall.


English summary: After recovering entirely from my great experience at the Matterhorn Ultrkas end of August, I decided to go for another longer run this year. This time, a 37k loop with 1878m elevation gain in the Bernese Highlands. In Lenk, to be precise. As I did not come as prepared as for the Matterhorn Ultraks in August, I faced almost more challenging moments. Nonetheless, the form was still sufficient for an enjoyable run and after slightly more than 5hrs I reached the finish line as the 10th of my category (out of 20). Positions do not matter, experiences do – and the first Swiss Trail Tour event was a great experience!

Matterhorn Ultraks 2018

Lauf: Matterhorn Ultraks Zermatt, 49k, 3600hm, 25.08.2018 (scroll down for English summary)

Neben dem Matterhorn das zweite Highlight: die Monte-Rosa-Gruppe
Neben dem Matterhorn das zweite Highlight: die Monte-Rosa-Gruppe

Das „Sky“ Race des Matterhorn Ultraks in fünf Akten:

Die Vorbereitung

5:10Uhr morgens an meinem Geburtstag. Der Wecker klingelt. Aufstehen. Während ich als Kind aufgeregt war, die Geschenke entgegenzunehmen, trieb mich jetzt eine andere Art von Aufregung um. Am 25.08.2018 stand wohl bisher mein grösstes Rennen an: das “Sky” Race des Matterhorn Ultraks über 49km und 3600 Höhenmeter. Ein Rennen, das zur sogenannten Migurun Skyrunning Series gehört und ich mir als persönliches Saison-Highlight gesetzt hatte. Sozusagen ein Geburtstagsgeschenk.

Die am Vorabend bereit gelegten Kleider zog ich nach und nach an: Unterhose, Kompressionsstrumpf links, Kompressionsstrumpf rechts, knielange Laufhose, kurze Laufhose drüber, Herzfrequenzgurt, Laufunterhemd, Ärmling rechts, Ärmling links, Lauftrikot (eigentlich ein Velotrikot), Laufsocken und zu guter letzte die Laufschuhe. Die letzte Kontrolle des neu erworbenen und perfekt passenden Laufrucksacks: zwei gefüllte Trinkflaschen (je 0.5ml), eine längere Laufjacke (die ich mir gleich noch anzog, um bei frischen Morgentemparaturen nicht abzukühlen), eine leichte Windjacke, zwei Kopfbedeckungen, ein paar Riegel, zwei Magnesiumampullen, eine Banane, eine Wärmedecke (Pflicht bei einem Skyrunning-Rennen) und zu guter letzt, Wanderstöcke. Nach längerer Überlegung entschied ich mich, diese mitzunehmen. Anders als bei vielen anderen Läufen waren diese erlaubt und aufgrund der langen Steigungen wohl ein wichtiges Hilfsmittel. Ich war bereit.

Der Start

Nach einem hoffentlich ausreichenden Frühstück begab ich mich in den Startbereich. Viele Läufer hatten sich bei bedecktem Himmel und frischen Temperaturen in Zermatts Zentrum eingefunden. Obwohl die Moderatorin versuchte, die insgesamt 779 zum Mitklatschen, Mitgröhlen und Mittanzen zu motivieren, gelang ihr dies nur bedingt. Zu gross war die Anspannung. Oder die Befürchtung, unnötige Energie zu verlieren. Zwei wichtige Hinweise gab sie uns aber dennoch auf dem Weg. Erstens scheint es in höheren Lagen kühl und windig zu sein, das heisst, das ein langes Kleidungsstück sowie eine Kopfbedeckung sehr empfehlenswert wäre. Zweitens stellte sie uns aber gutes Wetter am Gornergrat auf 3132m in Aussicht, sobald man die Wolkendecke, die sich aktuell noch über Zermatt legte, durchquerte. Eine traumhafte Aussicht auf die markanten und bekannten Gipfel der Zermatter Bergwelt war also im Bereich des Möglichen.

7:00 fiel der Startschuss und die Meute begab sich auf die Strecke. Tschüss Zermatt! Wir sehen uns in einigen Stunden wieder. Die Sieger sollten am Ende zum Mittagessen zurück sein, bei mir wurde es eher zur Kaffeezeit am Nachmittag. Den ersten Anstieg zur Sunnegga plante ich, im lockeren Laufschritt anzugehen – andere Läufer waren da motivierter und zogen direkt an mir vorbei. Wieder andere gingen sehr zeitig in einen Marschierschritt über, der durchaus effizient sein kann. Vermutlich gibt es kein Allgemeinrezept und jeder muss seinen Stil für sich wählen. Als dann das letzte steilere Stück bis zur ersten Verpflegungsstation auf der Sunnegga begann, wechselte auch ich in den Marschierschritt und holte meine Stöcke zur Hilfe. Bereits zu diesem Zeitpunkt entlasteten sie Oberschenkel- und Rumpfmuskulatur. Zudem überlegte ich mir, diese auf dem kurzen abfallenden Zwischenstück bis zum Gornergrat in den Händen zu behalten.  Auch wenn ich Stöcke beim Bergablaufen nicht als sehr hilfreich empfinde. Sunnegga erreichte ich übrigens als 227. nach ca. 1:15h – ich lag in dem erhofften Zeitrahmen.

Das Highlight

Der Anstieg zum Gornergrat war sozusagen die Hors-Categorie der Anstiege des Matterhorn Ultraks. Über 6,5km ging es mehr als 1100 Höhenmeter bergauf. An ein Joggen war jetzt bei allen Amateurläufern – ich zähle mich dazu – nicht mehr zu denken. Doch persönlich lag mir dieser Teil der Strecke. In zügigem Wanderschritt überholte ich den ein oder anderen “Läufer” ohne dabei in den roten Bereich zu gelangen. Es machte Spass. Und als dann, wie von der Moderatorin angekündigt, die Wolken aufmachten und das umliegende Bergpanorama zum Vorschein kam, stieg die Freude weiter. Der weitere Lauf bzw. Marsch bis zum und auf dem Gornergrat war purer Genuss. Links das majestätische Monte-Rosa-Massiv inklusive der beeindruckenden Gletscherströme, direkt vor uns die markante Silhouette des weltbekannten Matterhorns und rechts ein traumhafter Ausblick auf weitere Walliser 4000er Riesen wie Dent Blanche, Zinalrothorn, Weisshorn oder Dom – und zwischendrin unzählige Verrückte und ich, rennend auf dem schmalen Berggrat in 3132m Höhe. Episch!

Anders als das Bild vermuten lässt, hatte ich genug Zeit für Fotos auf dem Gornergrat
Anders als das Bild vermuten lässt, hatte ich genug Zeit für Fotos auf dem Gornergrat

Am Verpflegungsposten gab es nur Getränke. Ich versorgte mich mit etwas Cola (für den Zuckerhaushalt), etwas mehr Bouillon (für den Salzhaushalt) und liess mir meine beiden Trinkflaschen am Rucksack mit Wasser auffüllen (ein sensationeller Service). Aus meinem mitgebrachten Proviant entnahm ich noch ein Energieriegel, den ich schnell verschlang. Und weiter ging es. Und ich hielt wieder kurz inne. Meine Stöcke befanden sich noch in meinen Händen. Eigentlich wollte ich diese wieder auf den Rücken schnallen – doch nach kurzem Zögern ich entschied mich anders und lief einfach weiter. Auf dem Abstieg wurde ich wieder Zeuge von den unglaublichen Bergablaufqualitäten einiger meiner Mitläufer. Ich fühlte mich mit etwas Erfahrung relativ komfortabel auf diesen technischen Passagen; ich meine auch, mich mit einem gesunden Risikogefühl nach unten fortzubewegen und empfinde meine Geschwindigkeit als alles andere als langsam. Doch in welchem atemberaubendem Tempo der ein oder andere über Stock und Stein shreddete (Anm.: “shredden” kommt aus der Sprache der Mountainbiker und bedeutet “den Hang runter fahren, Gas geben”), war einfach nur beeindruckend. Grossartiger Sport! Der Abstieg war übrigens lang. Mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung bei Riffelalp verloren wir über 1200hm auf ca. 11km. Nach anfänglich guter Aussicht fanden wir uns schnell in und unter dem Nebelband wieder, dass uns bis Rennende begleitete. Kurz vor Furi überquerten wir übrigens noch die erwähnenswerte 100m lange und 90m hohe Hängebrücke. Joggen war da übrigens nicht erlaubt – zu Recht, da die von ca. 50 „Läufern“ erzeugten Schwingungen völlig ausreichend waren.

Das “retardierende” Moment

Bei Furi war in etwa Halbzeit des Ultraks – kurzes Zwischenfazit: was für unglaublich cooler Lauf! Die Strecke ist landschaftlich wunderschön, technisch abwechslungsreich, mir geht es noch gut. Jedoch warteten noch harte 22km mit weiteren 1800 Höhenmetern auf mich. Und schon bald begann auch meine Leidenszeit. Der Aufstieg zur Schwarzalp auf 2586m wurde für mich zur kritischen Angelegenheit. Die Oberschenkelmuskulatur liess mich etwas im Stich und verkrampfte. Viele Läufer, wenn auch vorwiegend die vom kürzeren “Mountain” Race, überholten mich nun. Ich ärgerte mich zudem, dass meine Sportuhr 2km mehr anzeigte, als die Beschilderung beim Rennen. Wurden die letzten 20km doch zu einer reinen Farce? Nach dem steilsten Stück des Anstiegs, entschied ich mich die Magnesiumampullen hervorzunehmen, die mir letztes Jahr beim Jungfraumarathon bereits aus der Krise halfen. Die erste war schnell weg, für die zweite hob ich mir etwas Vorrat auf. Das letzte Stück bis zur Verpflegungsstation von Schwarzalp kämpfte ich mich irgendwie hoch, bevor ich dann in einer längeren Pause Bananen, Energieriegel, Orangenstücke, Schokolade sowie Cola und Bouillon zu mir nahm. Während des weniger technischen Abstiegs konnte ich mich etwas erholen, die Verkrampfungen lösten sich. Ich spürte, wie die Wärme wieder in meine Muskulatur gelangte. Nicht so jedoch bei einem meiner Mitstreiter, der am nächsten Anstieg wohl in eine ähnliche Situation geriet. Ich gab ihm die zweite Hälfte meiner Magnesiumampulle. Man kannte sich mittlerweile.

Und dies wurde mir jetzt auch bewusst. Es ging längst nicht mehr darum, ob man auf Position 127, 182 oder 194 ist. Oder ob man den Anstieg fünf Sekunden schneller oder langsamer bewältigen kann. Meine Mitstreitern und ich waren gemeinsam happy, wenngleich angestrengt und erschöpft. Wie wir zusammen gemeinsam die Landschaft eroberten, motivierte und inspirierte – eine traumhafte Trailrun-Erfahrung. Mir persönlich ging es mittlerweile wieder deutlich besser, sodass ich den letzten langen Anstieg gut bewältigten konnte. Spätestens jetzt merkte ich, wie stark die Stöcke eine entscheidende Stütze waren. Generell hatte ich mit der Ausrüstung ein glückliches Händchen – beide Jacken blieben die ganze Zeit im Rucksack, einzig die wärmende Laufmütze legte ich ab ca. 2500m ü. N. an. Schritt für Schritt näherte ich mich der letzten höheren Passüberquerung, bevor ich über ein längeres Flachstück und eine Bergabpassage bei der letzten Verpflegungsstation von Trift ankam. Obwohl das Ziel nur noch 7km entfernt war, nahm ich eine längere Pause in Kauf. Die Mittagsstunde war längst passiert, sodass ich mehr und mehr Hunger bekam. Dementsprechend versuchte ich zum letzten Mal mir ausreichend Nahrung zuzuführen, um auf dem letzten Abschnitt nochmal alles geben zu können.

Das Fazit

Nach einer kurzen Gegensteigung führte eine längerer (4.5km) und doch steilerer Abstieg (ca. 900hm) zurück nach Zermatt, bei dem ich wusste, dass dieser mir in den nächsten Tagen höllischen Muskelkater zufügen würde. Während ich die ersten engen Serpentinen aufgrund müder Beine noch vorsichtig anging, gewann ich Schritt für Schritt langsam wieder Vertrauen und pushte nochmals. Bis 200m vor dem Ziel, als der Bergpfad endete und ich in den abgesperrten Zielbereichs im Zermatter Zentrum einlief. Jubelnde Zuschauer, ein roter Einlaufteppich, Gänsehautatmosphäre. Nach 8:00,33h erreichte ich das Ziel als 159. von 492 männlichen Läufern. Weder die Platzierung noch der Rang bedeuten dabei allerdings viel, sondern vielmehr die unglaubliche Erfahrung alle Wanderwege um Zermatt innerhalb eines Tages abgelaufen zu haben, zusammen mit vielen anderen Berg-verrückten Sportlern, als Teilnehmer der Migurun Skyrunning Series. Dieses Erlebnis am Matterhorn Ultraks war ein besonderes Geburtstagsgeschenk!

Beim Zieleinlauf in Zermatt, nach 49km und 3600hm beim Matterhorn Ultraks
Beim Zieleinlauf in Zermatt, nach 49km und 3600hm beim Matterhorn Ultraks

Einen Tag später sind wir übrigens nochmal bei allerbestem Wetter mit der Bahn auf den Gornergrat gefahren – und erst jetzt wurde ich mir der Weite der Strecke bewusst:

  • 49km sind 7km mehr als ein normaler Marathon, wobei ich immer gesagt habe, dass ich nie Marathon laufe (wohlgemerkt war das auf Strassenmarathons bezogen)
  • 49km ist länger als die Distanz von Zwickau nach Chemnitz, wohlgemerkt aber mit einem Berg ungefähr der Höhe des Grossglockners dazwischen
  • 49km sind mehr als ein Zehntel meines durchschnittlichen Jahreslaufpensums der vergangenen Jahre (ca. 480km), das ich an einem Tag zurückgelegt habe.
Teilweise erkennt ist die Strecke zu erkennen, die ich gelaufen bin - dahinter: das Matterhorn
Teilweise ist die Strecke zu erkennen, die ich gelaufen bin – dahinter: das Matterhorn

English summary: It would be a challenge to summarise everything written in German in a short English version. Thus, this time I will just enumerate a few key facts: 49km, 3600m uphill, 3600m downhill, 5 climbs incl. Gornergrat at 3132m above sea level, incredible views to Monte Rosa and famous Matterhorn, 8hrs of constant movement (running and hiking). Nothing to add!