Jungfrau-Marathon 2017: Mein erster Marathon

Lauf: Interlaken – Wilderswil – Lauterbrunnen – Wengen – Kleine Scheidegg, 42.195km, 1829hm, 09.09.2017

Marathon laufen sagt mir gar nicht so zu. Wieso kam ich also auf die Idee, mich für diesen Bergmarathon anzumelden? Die Antwort: Ich hatte mich gar nicht angemeldet. Normalerweise ist der Jungfrau-Marathon bereits im Frühjahr ausverkauft. Was war passiert? 

Ca. 4 Wochen vor dem Wettkampf – kurz nach Sierre-Zinal wohlgemerkt – teilte mir ein guter Freund mit, dass er den Inferno-Triathlon als Single-Athlet läuft und aufgrund benötigter Regenerationszeit gerne seinen Startlatz für den Jungfrau-Marathon zur Verfügung stellen würde. Ich liess mir ein paar Tage Bedenkzeit. Eigentlich mag ich Marathon nicht. Aber ein Bergmarathon über Trails im Berner Oberland, hinauf bis zur kleinen Scheidegg? Das hätte was. Und eigentlich sind es ja 25km flache, lockere Kilometer – und anschliessend wandert man sowieso nur noch die restlichen 17km bergauf. Und ich war ja in Form nach meinem famosen Knapp-über-4h-Lauf bei Sierre-Zinal. Somit hatte ich genügend Argumente gefunden und sagte zu.

Die Strecke und das Ziel bei traumhaftem Wetter am Tag vor dem Jungfrau-Marathon
Die Strecke und das Ziel bei traumhaftem Wetter am Tag vor dem Jungfrau-Marathon

Der Grossteil der Vorbereitung – neben vorherig beschriebenem Training – lag auf der mentalen Komponente. Aufgrund der Ummeldung gab mein Freund für mich eine Zielzeit von 4:30h an. Etwas sportlich, wie mir erschien. Von meiner Finalzeit von Sierre-Zinal hochgerechnet, peilte ich eher 4:45h an. Wie sollte ich das Rennen angehen? Da die erste Hälfte des Rennens fast flach ist (300hm auf 25km) setzte ich mir das Ziel, ungefähr 2h für die Strecke bis Lauterbrunnen am Fusse des Anstiegs zu brauchen. Anschliessend sollte ich mit einem 9:00min/km-Schnitt die Steigung über Wengen auf die Kleine Scheidegg  (insgesamt ca. 10%) bewältigen, um eine sehr gute Zielzeit zu erreichen. Klang machbar, wenn auch ambitioniert.

Im Startgeländer am Vortag ist der Namensgeber des Marathons deutlich zu Erkennen
Im Startgeländer am Vortag ist der Namensgeber des Marathons deutlich zu Erkennen

Dann war es so weit. Nachdem ich mir einen Tag vorher meine Startnummer im Startgelände von Interlaken geholt habe, ging es Samstag früh um 6:36Uhr mit dem Zug von Mürren in Richtung Interlaken. Schon bald trafen wir auf weitere Läuferscharen. Die Nervosität war bei allen Teilnehmern zu spüren – ein jeder diskutierte über Renneinteilung und Durchgangszeiten. Im Startgelände lief alles wesentlich professioneller ab, als bei Sierre-Zinal, was aufgrund der Teilnehmerzahl von 5000 Startern aber auch notwendig war. 

Startblock 1: Umgeben von tausenden Läufern beim 25. Jungfrau-Marathon
Startblock 1: Umgeben von tausenden Läufern beim 25. Jungfrau-Marathon

Der Startschuss fiel um 8:30Uhr, begleitet von Applaus, Alphorn-Musikanten sowie einer super Stimmung. Auch hier merkte man, dass das Event doch grösser ist, als so manch anderer Berglauf. Da meine Zielzeit mit 4:30h eher zu den schnelleren gehörte, startete ich in dem vordersten Startblock. Und meine Mitstreiter legten ein Höllentempo vor. Das wollte ich nicht mitgehen. Ich versuchte auf den ersten komplett flachen Kilometern die Kilometerzeit zwischen 4:40-4:50min zu halten. Das gelang mir sehr gut. Bei der 10km Marke dachte ich über die erste Verpflegung nach und „gönnte“ mir sowohl erste Bisse eines Sportriegels als auch ein ganzes dieser leckeren Energiegels.

Bereits kurz darauf erreichten wir das untere Lütschinental und damit begannen sowohl die Trailstrecke als auch die ersten Anstiege. Natürlich fiel es mir schwerer nun, die Kilometerzeiten unter 5:00min zu halten. Aber noch war ich gut im Rennen. Der doch immer mehr einsetzende Regen machte mir nichts aus – obwohl es spürbar kälter wurde. Beim ersten Durchlauf in Lauterbrunnen erreichten wir die Halbmarathonmarke. Die Uhr zeigte eine gute Zeit an. Knappe 1:45h für einen mittelschweren Halbmarathon, bei dem ich noch Energie im Tank hatte. Nicht schlecht. Und meine ursprüngliches Ziel, die 25km-Marke nach 2:00h Laufzeit passiert zu haben, verfehlte ich nur um wenige Minuten. Eins war zu diesem Zeitpunkt sicher, die Zielzeit von 4:30h war mehr als realistisch.

Erstes Ziel fast erreicht: mit 5:00min/km-Schnitt durch Lauterbrunnen bei Halbzeit
Erstes Ziel fast erreicht: mit 5:00min/km-Schnitt durch Lauterbrunnen bei Halbzeit

Doch was danach kam, war der Scharfrichter. Dort wo sich wirklich Spreu vom Weizen trennen sollten. Nachdem so viele Starter vor mir ein wirklich Wahnsinnstempo in den ersten flachen Kilometern zurückgelegt hatten, erhoffte ich jetzt, viele wieder überholen zu können. Doch bereits am Anfang des Anstiegs von Lauterbrunnen nach Wengen merkte ich, dass es nicht so einfach war. Im Gegenteil, vielmehr kamen Läufer hinter mir, die mich passierten. Die anfängliche Wärme am unteren Teil des Anstiegs verflog relativ schnell. Glücklich war ich nun über jeder flachere Passage, in welcher ich vom Marschier- wieder in den Laufstil wechseln konnte. Die 30km-Marke schaffte ich locker unter 3h, doch als ich anschliessend Wengen erreichte, sah ich alles andere als frisch aus.

Mehr als 31km waren da bereits gelaufen – mehr als in Sierre-Zinal. Und jetzt erreichte ich endgültig meinen Tiefpunkt. Die hintere Oberschenkelmuskulatur machte aufgrund der Kälte langsam zu. Der Körper nahm bei den Verpflegungsstationen nicht mehr genug Energie auf. Jedes Wasser oder jedes Gel, was mir gereicht wurde, fühlte sich eiskalt an. Bezeichnenderweise bevorzugten die Veranstalter wohl eher Isostar als warme Bouillon, sodass ich mich kaum aufwärmen konnte. Durch die verschiedenen Nahrungs(ergänzungs-)mittel meldete sich auch mein Magen, der mit der Verdauung nicht nachkam – kurzzeitig wurde mir etwas schlecht. Und kalt sowieso. Sollte ich tatsächlich eins dieser Massagezelte aufsuchen, und mich etwas ausruhen? 

Kilometer 34: Meine Wanderschritte fühlten sich langsam an. Nach und nach überholten mich weitere Läufer, teilweise in lockerem Laufschritt. Demotivierend. Sollte ich nicht irgendwann dieses Läuferhoch einsetzen, von dem alle Marathonisten im Schwärmen? Vermutlich gilt das nicht für einen Bergmarathon; ausserdem hiess es hier ja ab Kilometer 25 „Läufer hoch“, hoch auf die Kleine Scheidegg. Plötzlich fiel mir ein, dass ich noch eine Magnesiumampulle vorrätig hatte. Diese wirken immer besonders gut und sollten eventuell gleichzeitig die Muskulatur lockern. Das half, wenigstens etwas.

Ich fing nun an, die Kilometer rückwärts zu zählen. Die Distanzschilder hatten schon längstens von 1km- in 250m-Schritte gewechselt. Der Wald lichtete sich langsam, die Baumgrenze war erreicht. Ein gutes Zeichen, da der Scheitelpunkt unterhalb der Station Eigergletscher bei ca. 2200m lag. Die Aussicht konnten wir übrigens nicht geniessen. Der mittlerweile sich zum Single-Trail geänderte Pfad war komplett in Nebel eingehüllt. Bei Kilometer 39 konnte ich erstmalig die Menschenmassen im Zieleinlauf hören. Doch für mich und meine Leidensgenossen war es noch nicht vorbei.

Ich hatte mich zwar etwas erholt und konnte auch auf einigen Passagen wieder etwas Gas geben (insbesondere auf den technischen Abschnitten), doch dann holte mich immer wieder die Müdigkeit meiner schmerzenden Muskulatur ein. Aber wir kamen dem Ziel näher. Der höchste Punkt war erreicht. Ein kurzer schneller Abstieg, dann nochmal ein Anstieg. Der tat weh, aber das Ziel war zumindest mental in Sicht. Gesehen habe ich dieses wirklich erst auf den letzten 200m, als die Zuschauermassen den Läufern zujubelten – bei 5°C im Dauerregen. Respekt! Natürlich vor all den Läufern. Aber auch vor allen Zuschauern und Helfern, die sich über mehrere Stunden als Kilometermarken, musikalischen Bands, Verpflegungsstationisten oder einfachen Supportern um die Läufer kümmerten.

Und schliesslich habe ich auch das Ziel erreicht. Mit einer Zeit von 4:38,27h. Die 4:30h-Marke verpasst, die 4:45h-Marke unterboten. Glücklich war ich darüber. Angesehen hat man mir es noch nicht. Zu sehr hatte ich auf den letzten 11km gelitten. Der Körper vermutlich leicht unterkühlt und dehydriert, die Sachen durchnässt, die Muskulatur und Gelenke auf das äusserste beansprucht. Macht das wirklich Spass? Die anschliessende wohlverdiente Dusche und frische trockene Kleider halfen, die Stimmung zu heben. Der Blick auf Medaille, Finisher-Shirt und die grosse Tafel Schokolade konnte mir sogar ein erstes Lächeln abringen. Und ein weiterer Blick auf die anderen Läufer, die volle Zufriedenheit und Stolz ausstrahlten, sorgte auch in mir für eine gewisse Genugtuung. Marathon, Berg-Marathon, 42.195km, über 1800hm, bei epischem, nasskaltem Wetter. Geschafft!

Das sind die Erinnerungen, über die man Geschichten schreiben kann.

Im Ziel beim Jungfrau-Marathon - unterkühlt, übersäuert und mit gequältem Lächeln
Im Ziel beim Jungfrau-Marathon – unterkühlt, übersäuert und mit gequältem Lächeln