Via Ferrata Mürren-Gimmelwald

Wandern: Mürren Klettersteig, 2.5km, 100hm, 27.08.2020

Seit fast 10 Jahren komme ich nach Mürren. Seit fast 10 Jahren existiert ein Klettersteig in Mürren. Häufig konnte ich die 80m lange Nepalbrücke, welche ein Teil des Klettersteigs ist, von der Gondel aus bestaunen. Bestiegen, bewältig, erlebt habe ich ihn noch nie. Das sollte sich ändern. Durch eine Geburtstagsgeschenk ermutigt begaben wir uns zu Stäger Sport, um Ausrüstung zu mieten. 25 CHF je Klettersteigset. Welches übrigens ziemlich genau gleich funktioniert wie solche, die man im Hochseilgarten bekommt. Die Technik war uns also nicht unbekannt. Dennoch war es für mich das erste Mal und ich hatte Respekt vor dem Klettersteig – oder war es eher ein Kletterabstieg? Der 2.5km lange Weg, für den man bis 3h benötigen kann, führt von Mürren nach Gimmelwald, auf dem man insgesamt fast 300 Höhenmeter verliert. Trotz seiner mittleren Schwierigkeit (K3) soll er für Anfänger geeignet sein. Finden wir es heraus!

Über die Anzeigeschilder in Mürren gelangten wir zum Einstieg. Dieser führte durch einen langen Tunnel. Bereits danach fand man die Seilsicherung vor. Auch wenn es an diesem Wiesenwanderweg noch alles andere als kritisch gewesen wäre, hakten wir uns ein und begannen den Abstieg. Nur langsam verloren wir an Höhe, die Schwierigkeiten hielten sich in Grenzen. Theoretisch hätte man den Weg ohne Sicherung überwinden können. Aber besser man gewöhnt sich an die Technik. Denn nachdem wir das Wohnzimmer, also die Absprungbasis, der Basejumper passierten, sollte sich uns die erste und einzig wirkliche Schlüsselstelle in den Weg stellen. Die senkrechte Wand. An dieser gab es Stahlstufen, deren Dicke ca. 2cm betrug, sowie das Stahlseil, an dem man angehängt ist. Sonst ging es einfach 400m gerade hinunter ins Tal, teilweise sogar auch überhängend. An einen Sturz war nicht zu denken. Das Adrenalin stieg. Die Konzentration auch. Die Traversierung war ungefähr 60m lang, körperlich nicht anstrengend, aber die extreme Exponiertheit erforderte einiges an Überwindung. Die ständigen Blicke nach unten (man stieg ja hinunter) auf die Bauernhäuser zwischen Lauterbrunnen und Stechelberg halfen nicht dabei, sich zu entspannen und sich einfach nur auf den nächsten Schritt zu fokussieren – eigentlich war man ja gesichert.

Toller Blick auf Wengen, die Trümmelbachstation, das Männlichen – ganz links jedoch die letzten Stufen des Klettersteigs

Erleichterung kam auf, als wir wieder festen Boden unter uns spürten, aber auch Stolz und steigendes Selbstbewusstsein. Die Höhe, die Folgen eines Sturzes, die Exponiertheit – all das galt es einfach auszublenden. Und das gelang mit jedem Schritt besser. Dennoch erfreute sich insbesondere mein Geist und Körper nun, etwas zu entspannen. Im weiteren Verlauf passierten wir zwei ca. 20m lange Tight-Lines, die jeweils mit einem dünnen Seil für die Füsse und zwei Seilen zum Festhalten über je einen Abgrund führten. Nach der anfänglichen Schlüsselstelle an der senkrechten Wand stellte dies nun keine grössere Herausforderung mehr dar. Das galt auch für die vielen Leitern, die uns über ca. 100m hohe Felsvorhänge nach unten bringen sollten. Ein Sturz wäre auch hier fatal gewesen, aber die Situation war nicht neu.

Die Nepalbrücke erwartete uns als krönender Abschluss

Zum Abschluss erwartete uns die wohlbekannte Nepalbrücke. 80m lang. Der Abgrund nach wie vor 400m tief. Bei Wind und bei Nässe möchte ich die Brücke nicht überqueren. Obwohl eigentlich bis zu 10 Leute auf der Brücke gleichzeitig sein dürften, überquerten wir den Abgrund einzeln. Die verschiedenen Herausforderungen zollten ihren Tribut. Wir versuchten möglichst keine spektakulären Aktionen, sondern konzentrierten uns darauf, diesen abwechslungsreichen und traumhaften Klettersteig zu beenden. Es darf nicht vergessen werden, während wir für doch fast 3h angeseilt an einer Wand hingen, schauten uns Eiger, Mönch und Jungfrau seelenruhig zu. Eine atemberaubende Atmosphäre in atemberaubender Höhe. War der erste Klettersteig auch der letzte? Sicher nicht!

English version: About 10 years ago, it was the first time a came to Mürren. About 10 years ago, the Via Ferrata from Mürren to Gimmelwald was opened. Now, this year it was the first time that we dared to tackle this challenge. Similar to tree top climbing, you are fully secured and tight to a steel rope during the entire climb. However, it feels completely different whether you are 20m above the ground, or 400m. And climbing down a steel ladder, being fully exposed on a vertical wall, stepping down into the air, only fixated with a thin steel rope, is definitely an adrenaline-raising exercise. Worth it!